"Fast immer besser ohne ein Gericht" - Markus Fellner im Interview mit dem trend.
27.04.2026
Anwalt Markus Fellner erwartet eine Zunahme bei Sanierungsfällen. Und er kritisiert die Rechtslage, die eine Fortführung von Unternehmen erschwert.
TREND: Zu den vielen Restrukturierungen, an denen fwp beteiligt war, zählt die des Industriekonzerns Rosenbauer. Neue Investoren haben das Unternehmen stabilisiert. Häufen sich solche Fälle aufgrund der herrschenden Wirtschaftsflaute?
MARKUS FELLNER: Rosenbauer ist jedenfalls typisch für österreichische Restrukturierungsfälle: Die Aufbaugeneration brachte das Unternehmen an die Börse, über die Erbfolge waren dann aber immer größer werdende Familienstämme daran beteiligt mit divergierenden Interessen. Im Spannungsfeld zwischen Führungsanspruch und Rückzug auf die Gesellschafterrolle kam es zu einer gewissen Entscheidungsschwäche.
TREND: Also mehr ein internes Problem?
MARKUS FELLNER: Genau. Darum war die Situation weniger kritisch als bei manch anderen Familienbetrieben, denen es jetzt externe Faktoren noch schwerer machen, in Österreich zu bestehen. Rosenbauer konnte man mit neuem Topmanagement und drei Investoren, darunter auch die Invest AG, voranzubringen. Der Börsenkurs zeigt, dass es sehr gut funktioniert.
TREND: Die Invest AG gehört zur RLB Oberösterreich. Werden aus Ihrer Warte Banken künftig öfter Kredite in Beteiligungen wandeln, wenn sich die Lage zuspitzt?
MARKUS FELLNER: In Österreich ist das bei Kommerzbanken eher atypisch. Gesellschafterrechte zu übernehmen, tun sich unsere Banken sehr schwer. Anders als beispielsweise in Deutschland. Dort ist auch der angloamerikanische Restrukturierungsdruck weit höher.
TREND: Was meinen Sie damit genau?
MARKUS FELLNER: In Deutschland ist es Standard in Krisenfällen, dass Fonds Kredite günstig kaufen, dann versuchen, das Unternehmen finanziell wieder auf Vordermann zu bekommen und es weiterzuverkaufen. Ein zweiter Punkt: Der Bereich Equity Management ist bei hiesigen Banken aus meiner Sicht sehr in den Hintergrund getreten. Früher hatte eine Creditanstalt ein riesiges Beteiligungsportfolio. Heute haben unsere Banken nur noch sehr kleine Mannschaften. Die Kapazitäten könnten und sollten aber durchaus aufgebaut werden. Denn wenn man da keine Brücke baut, wird die Gefahr, dass Unternehmen in ausländische Hand geraten, noch größer.
TREND: Alle hofften 2026 auf die wirtschaftliche Erholung. Durch den Irankrieg ist das Gegenteil der Fall. Sie werden noch viele Sanierungen auf den Tisch kriegen, oder?
MARKUS FELLNER: Das ist zu erwarten. Der Irankrieg kam für die Welt zum ungünstigsten Zeitpunkt. Neben den wieder sehr hohen Energiepreisen darf man aber nicht verleugnen, dass wir in Österreich auch ein Einstellungsthema haben. Wir können die hohen Lohnkosten nicht durch staatliche Förderlandschaften, sondern nur durch Innovation, Qualität und Einsatz versuchen zu kompensieren.
TREND: Am Einsatz mangeltes Familienunternehmern selten. Sind sie in Krisen trotzdem anfälliger als andere?
MARKUS FELLNER: Ja, weil meist eine sehr emotionale Bindung zum Unternehmen besteht. Das ist einerseits was Positives, aber in der Krise auch was Schwieriges, weil da nüchterne, rationale Entscheidungengefragt sind, die auch hart sein können und manchmal hart gegenüber dem Eigentümer sein müssen. Aber der Mensch ist in der Regel nicht so gern hart zu sich selbst. Das funktioniert oft nur mit Hilfe der Banken oder Bankenanwälte. Je älter ein Unternehmer, umso mehr klammert er sich was ganz natürlich, aber in einer Restrukturierung oft hinderlich ist an sein Lebenswerk. Eine Entscheidung könnte ja auch bedeuten, dass das Lebenswerk noch den Namen trägt, aber jemandem anderen gehört. Da sollte man Profis ans Werk lassen.
TREND: Die Taus-Gruppe etwa hat von sich aus verlautbart, dass sie Partnerin den Konzernreinnehmen möchte. Die Frage ist: Gibt s überhaupt ausreichend Leute, die in Österreich investieren wollen?
MARKUS FELLNER: Zu konkreten Fällen kann ich nichts sagen. Aber ja, es gibt Interessenten. In Österreich vielleicht weniger das klassische Private-Equity-Investorenmodell, sondern eher Gesellschaften von Finanzinstitutionen oder Family Offices. Daneben gibt es strategische Investoren, die in schrumpfenden Märkten durch Konzentration stärker werden wollen. Das gilt für den stationären Einzelhandel, der, glaube ich, in die Hände weniger Playerfallen wird, siehe das Beispiel Palmers, oder auch für den Automobilzuliefererbereich, überall, wo Verdrängungswettbewerb herrscht.
TREND: Der heimische Lebensmittelhändler MPreis sucht bereits nach Partnern. Wohl kein leichtes Unterfangen?
MARKUS FELLNER: Damit bin ich nicht beschäftigt, glaube aber, die Durststrecke hält dort schon relativ lange an, und ich weiß, dass auch Restrukturierung von einer gewissen Dynamik lebt. Das heißt, man sollte schnell durch die Transformationsphase gehen, um ein neues Setting zu finden.
TREND: Sie sprachen die Family Offices an. Allzu aktiv scheinen die hierzulande allerdings nicht zu sein...
MARKUS FELLNER: In Österreich wird nicht gerne über Geld gesprochen, das Family Offices investieren. Aber es gibt schon etliche, die sich ziemlich aktiv in der Industrie engagieren. Zumindest, solange der oder die Gründer noch leben. Danach werden sie meistens vorsichtiger.
"Die Politik ist erstaunlich desinteressiert an Krisen in wichtigen österreichischen Unternehmen. Es braucht Bedingungen für attraktivere Sanierungsverfahren." - Makrus Fellner
TREND: ln die Insolvenz von KTM waren Sie als Vertreter der Gläubigerbanken involviert, die gehörig Federn lassen mussten. Was ist da schiefgelaufen?
MARKUS FELLNER: Meines Erachtens passierte bei KTM ein Kardinalfehler, nämlich dass man nicht außergerichtlich restrukturiert hat, sondern über eine gerichtliche Insolvenz, weil Managementfehler passiert sein dürften, die zu dieser Trugschlusssituation führten. So wie KTM bzw. die Holding jetzt bilanzieren, wäre das geradezu ein Paradefall für eine außergerichtliche Sanierung gewesen was weit weniger Blutvergießen bei Lieferanten, Dienstnehmern und vor allem den Banken gebracht hätte. Und man hätte das Unternehmen wahrscheinlich genauso aus der Krise holen können.
TREND: Was raten Sie als Anwalt einem Unternehmen in Not, damit es zu einer Situation wie bei KTM erst gar nicht kommt?
MARKUS FELLNER: Ich würde sofort einen Restrukturierungsberater für das Zahlenwerk und die Liquiditätssteuerung holen. Ich würde rasch einen externen Manager suchen, der mit der bisherigen Führung gutkooperiert, aber kein Legacy-Thema hat also die Zukunft befreit von der Vergangenheit gestalten kann. Wenn die Krise virulent wird, sollten Kunden- und Lieferantenbeziehungen stabil gehalten, möglichst nicht in Krisendiskussionen einbezogen und Lösungen mit den Banken angestrebt werden. Das Problem haben ja alle gemeinsam und sollten darum Zusammenarbeiten. In der Praxis hat sich das in den letzten Jahren sehr bewährt. In Fällen, wo ich tätig war, ist fast überall eine außergerichtliche Sanierung geglückt, oft auch, wenn es unwahrscheinlich schien.
TREND: Weil letztlich auch für die Banken der sinnvollere Weg?
MARKUS FELLNER: Für die Gläubiger ist es nahezu immer besser, ohne Gericht zu sanieren. Bis auf Betrugs- oder Kriminalfälle, da geht es halt nicht anders.
TREND: Sie kritisieren, dass außergerichtliche Verfahren in Österreich aufgrund der Gesetzeslage schwierig sind. Hat sich, da wir von einer Krise in die andere taumeln, was geändert?
MARKUS FELLNER: Nein. Die Politik ist erstaunlich desinteressiert an Krisen in wichtigen Unternehmen. Anstatt zu überlegen, wie sie Wirtschaftsleistung in Österreichhalten kann, hält sie am Regime gerichtlicher Insolvenzen fest, wo einfach das Sanierungs- gegen das Zerschlagungsszenario gestellt wird. Politik sollte erkennen, dass man Unternehmen auch Geld, vor allem Fremdkapital, zuführen kann, um sie zu erhalten, und sie nicht leichtfertig in Konkurs gehen lassen muss.
TREND: Was würde es brauchen?
MARKUS FELLNER: Es müsste auch bei der gerichtlichen Sanierung die langfristige Fortführung im Vordergrund stehen. Ein Sanierungsplan in Österreich, der binnenzwei Jahren zwanzig Prozent Quote vorschreibt, ist häufig nicht zu schaffen. Man könnte Unternehmen länger Zeit geben, dafür die Quotenerhöhen. Dann würden die Gläubiger das viel stärkerannehmen. Was zur Gänze fehlt, ist, dass auch im Sanierungsverfahren Fremdkapital in Eigenkapital gewandelt werden kann, das die Bank dann entweder hält oder verkauft. Das ist nicht vorgesehen in Österreich. Da hinken wir weit hinterher.
TREND: Und warum passiert nichts, wenn es offenbar ein Vorteil wäre?
MARKUS FELLNER: Die Kompetenzliegt im Justizministerium, wo dieser Bereich nicht so beleuchtet ist, wie er es sein müsste. Die Kapazitäten für wirtschaftliche Krisenbewältigung werden nicht aufgebaut. Ich meine, man könnte das Finanz- oder das Wirtschaftsministerium dazunehmen. Immer wieder nehme ich mir vor, diesen Vorstoß zumachen diesmal werde ich es tun. Denn es braucht attraktive Sanierungsverfahren, unter denen das Unternehmen wachsen kann und die Bank ein großes Interesse am Erhalt des Betriebes hat. Im Moment läuft es bei Gericht eigentlich automatisch auf eine Opposition Unternehmen gegen Gläubigerhinaus. Das ist dem System geschuldet, das wir in Österreich haben.